Polen ist heute ein noch stark durch die Agrarwirtschaft geprägtes Land. Über 26% der Erwerbspersonen sind in der polnischen Landwirtschaft beschäftigt, 60 % der Landesfläche werden landwirtschaftlich genutzt. Die Kollektivierung im Sozialismus wurde in Polen nur teilweise umgesetzt, so dass sich in einigen Regionen traditionelle Wirtschafts- und Flursysteme erhalten haben (Abb. 1 und 3). Im Zuge des Beitritts Polens zur Europäischen Union ist auch für die kommenden Jahre von einer starken Veränderung der Landnutzung und der landwirtschaftlichen Strukturen auszugehen. Diese Veränderungen in der Landnutzung werden sich auf den Wasser- und Stoffhaushalt der Landschaft auswirken.

Insbesondere auf den fruchtbaren Lößböden in Südost-Polen ist mit einer Vergrößerung der Schläge und einer Neuordnung der ackerbaulichen Strukturen in der nahen Zukunft zu rechnen. So werden, z. B. mit dem Entfernen landschaftsgliedernde Strukturen (Hecken, kleine Wäldchen, feuchte Senken) zur Vergrößerung der Schläge und einer verstärkter Drainage, die Gebietsabflüsse und das Bodenerosionsrisiko merklich zunehmen. Daher sollte der Schutz der Boden- und Wasserressourcen bei den zu erwartenden Umstrukturierungen der Landwirtschaft im Zuge des Beitritts Polens zur EU eine wichtige Rolle spielen.
Um die negativen Auswirkungen zu vermindern ist es notwendig und sinnvoll, Landnutzungsänderungen in historischer Zeit zu untersuchen, um die „Reaktionen“ der Landschaft auf geänderte Landnutzungsbedingungen besser verstehen und einschätzen zu können.
Südost-Polen ist aufgrund seiner historischen Entwicklung und seiner naturräumlichen Gegebenheiten ein besonders interessanter und aussagekräftiger Untersuchungsraum. Die mächtigen Lößdecken sind zwar sehr fruchtbar, jedoch bei unzureichender Vegetationsbedeckung auch besonders erosionsanfällig.
Als Kerngebiete für das Praktikum wurden Roztocze und Kazimierz Dolny ausgewählt. Roztocze ist eine sehr waldreiche Region in der Nähe der Stadt Zamość an der Grenze zu Weißrussland. Kazimierz Dolny liegt an der Weichsel, westlich von Lublin.

Die Region um Kazimierz Dolny ist touristisch berühmt für seine unverbaute Landschaft (Abb. 2) und für die tief eingeschnittenen Hohlwege und Kerbensysteme, die eine im europäischen Maßstab außergewöhnlich hohe Dichte von bis zu 11 km/km² erreichen. Die Hohlwege sind eine direkte Folge der zunehmenden Entwaldung und der dadurch erhöhten Bodenerosion. Der Waldanteil beträgt heute in Teilbereichen nur noch etwa 8 bis 12 %. Am Rande der Lubliner Hochfläche gelegen bilden sich in der Region häufig besonders starke, lokale Niederschläge aus. Die landwirtschaftlich genutzten Flächen sind daher stark durch Bodenerosion gefährdet (on-site Schäden). Die Kommunen haben heute enorme Probleme mit Sedimenten, die von den landwirtschaftlich genutzten Flächen bei Niederschlägen abgeschwemmt werden, Straßen und Gräben versanden und die Gewässer belasten (off-site Schäden der Bodenerosion).
Die naturräumlichen Gegebenheiten sind in dem abgelegenen Roztocze ähnlich denen von Kazimierz Dolny. Hier hat sich jedoch die typische Langstreifenflur mit sehr schmalen, teilweise kilometerlangen Äckern erhalten (siehe Abb. 3).
An beiden Standorten hat die MCS Universität Lublin Gästehäuser bzw. Forschungsstationen, die während der Geländearbeit genutzt werden können. Die Geländearbeiten erfolgen zusammen mit Wissenschaftlern der MCS Universität Lublin und der CA Universität zu Kiel. Landschaftsgenetische Untersuchungen werden den Schwerpunkt der Arbeiten bilden. Die sind insbesondere bodenkundlich-stratigraphische Geländeaufnahmen, paläopedologische, geomorphologische und geoarchäologische Untersuchungen sowie Landnutzungskartierungen und Vermessungsarbeiten. Außerdem sind zwei Exkursionstage eingeplant um die naturräumlichen und kulturgeschichtlichen Besonderheiten der Region kennenzulernen.
